Ohne eine solide wirtschaftliche und finanzielle Basis ist ein Staat kaum regierbar und stets dem Willen der Kapitalgeber ausgeliefert. Selbst wenn Kiew eine Abspaltung von Donezk und Lugansk akzeptieren würde, weil die Ressourcen für den Krieg einfach nicht mehr vorhanden sind, wäre dieser Staat Noworossija ohne massive finanzielle Unterstützung Moskaus kaum lebensfähig. Wie viel Zukunft hat Noworossija?

Von Marco Maier

Föderierte Staaten von NeurusslandNoworossija – Neurussland, so nennen die Rebellen ihren selbst ausgerufenen Staat, der die Oblaste Donezk und Lugansk umfasst, welche von den Aufständischen als „Volksrepubliken“ bezeichnet werden. Jene beiden Regionen, in denen nicht nur viele russischstämmige Ukrainer leben, sondern auch die Verbundenheit der Bevölkerung zum großen Nachbarn oftmals größer ist als jene zu Kiew.

Hier befindet sich das Zentrum des Widerstands gegen jene Regierung, die sich nicht nur einfach im Zuge der Maidan-Unruhen an die Macht putschte, sondern auch noch damit begann, einen Krieg gegen die russische Minderheit und die politische Opposition zu führen. Eine Regierung, die aus jenen Oligarchen besteht, die unter der alten Oligarchenriege kaum politischen Einfluss besaßen. Doch nach all den Monaten, in denen sich das neue Regime stets den USA, der EU und der NATO anbiederte und jede Möglichkeit ausnutzte, um Moskau vor der Weltöffentlichkeit in einem schlechten Licht dastehen zu lassen, verblasst der Glanz der selbsternannten Revolutionsführer immer mehr.

Angefangen mit den Todesschüssen vom Maidan-Platz, über das Pogrom von Odessa, bis hin zur angeblichen „Anti-Terror-Operation“ im Südosten des Landes – die Pseudorevolutionäre tränken den ukrainischen Boden mit dem Blut der eigenen Bevölkerung. Wer nicht für sie ist, gilt als Feind und wird gnadenlos bekämpft. Sie nennen sich selbst Demokraten und werden von den angeblichen Demokraten im Westen unterstützt. Doch eine Demokratie muss auch eine Opposition zulassen. In der heutigen Ukraine nennt man die Opposition Terroristen, und gegen Terroristen kämpft man mit brachialer Gewalt, so dass die zivilen Opfer – die ja allesamt Sympathisanten sein müssen – ohne zu zögern in Kauf genommen werden.

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Je länger dieser Krieg andauert, umso mehr verhärten auch die politischen Fronten. Wollten die Regierungsgegner erst noch eine Föderalisierung des Zentralstaats, so fordern sie längst schon die Unabhängigkeit von diesem Land, welches seine eigene Bevölkerung mit Artillerie zerfetzt und die Häuser zu Staub zerfallen lässt. Sie, die Separatisten, hoffen auf Russland, welches geopolitisch in einer Zwickmühle steckt. Zwar schreibt die russische Verfassung vor, dass sich Moskau auch um die Russen im Ausland zu kümmern hat, doch eine direkte militärische Intervention im Nachbarland ist einfach nicht möglich. Und auch die Separatisten müssen erkennen, dass Russlands Möglichkeiten sehr eingeschränkt sind.

Selbst wenn es die geopolitische Lage erlauben würde, dass sich Noworossija Russland anschließt, so kann es sich Moskau finanziell kaum leisten, das Gebiet mit seinen rund 6,5 Millionen Einwohnern einzugliedern. Schon die kleine Krim wird noch für Jahre einige finanzielle Mittel benötigen, nachdem die Ukraine in all den Jahren seit der Unabhängigkeit einfach nicht in der Lage war, entsprechende Ressourcen für die Infrastruktur aus Sowjetzeiten aufzuwenden.

Und die staatliche Unabhängigkeit Noworossijas? Sicher, Donezk und Lugansk mögen die wirtschaftlich stärksten Regionen der Ukraine gewesen sein – angesichts der desolaten Lage des gesamten Landes sagt dies jedoch bei weitem nicht viel aus. Der Investitionsbedarf für die desolate Infrastruktur, die zudem noch durch die Zerstörungen der Kriegshandlungen beeinträchtigt wurde, übersteigt die Leistungsfähigkeit der Region einfach zu sehr. Ein Staat, bestehend aus den ganzen südlichen und östlichen Oblasten der Ukraine (Siehe Karte oben) würde sowohl das neue Noworossija als auch den ukrainischen Reststaat in sämtlichen Belangen massiv schwächen.

Selbst die Ukraine wäre ohne Finanzmittel aus dem Westen längst schon in den Staatsbankrott geschlittert. Umso wichtiger ist es, dass es bald schon zu einer politischen Einigung kommt, mit der alle involvierten Parteien leben können. Ein Kompromissabkommen, welches den Beteiligten die Wahrung des Gesichtes lässt. Und wer weiß, vielleicht lässt es sich mit einer autonomen Region Noworossija als Teil der Ukraine auch leben. Selbst wenn dafür sowohl der Westen als auch Russland ihren Beitrag zur finanziellen und wirtschaftlichen Stabilität der Ukraine als Ganzen beitragen werden müssen.

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4 KOMMENTARE

  1. Sehr gute Analyse, die auch die Neusprechterminologie enttarnt. Auf dem Maidan haben Demokraten protestiert und die Protestierer der Ostukraine sind Terroristen. Das Sprachschema unserer Medien.

  2. Ich weiß nicht, ob Moskau an einer Gesichtswahrung des Westens noch interessiert ist. Ich würde auch dringend davon abraten – die "internationale Gemeinschaft", deren Lernkurve nach 15 Jahren militärischen Glücksrittertums ungestört als ewig flache Gerade verläuft, muss endlich dermaßen derb auf die Nase fallen, dass sie solche Regime-Change-Spielchen künftig lässt.

    Der Westen hat die Dinge in Bewegung gebracht und dürfte, wie im Irak, wie in Syrien, wie in Libyen und Afghanistan geschehen, auch in der Ukraine bald die Kontrolle verlieren.

  3. Neurußland ist der finanziell stärkste Teil der Ukraine, wobei die Ukraine insgesamt total pleite ist. Wo ist dann eigentlich der Unterschied zwischen Ukraine komplett pleite oder Westukraine und Ostukraine pleite?

  4. Die Volksrepubliken Lugansk und Donezk könnten längerfristig eine glänzende Zukunft haben, wenn sie als Freihandelszonen eine wichttige Brückenfunkton zwischen der Eurasischen Wirtschaftsunion un der Rest-Ukraine übernehmen. Bis es soweit ist, wird die EU in ihrer heutigen Form bereits Geschichte sein, so dass die Republiken auch für die derzeit westlich orientierten Bevölkerungsgruppen der Westukraine wieder attraktiv werden.

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