Foto: Pressedienst des russischen Präsidenten

Einerseits gibt die Türkei ihren Anspruch ein europäisches Land zu sein nicht auf, trotz des offensichtlichen Unsinns der in dieser Behauptung liegt, andererseits scheint sie sich immer öfter ihrer asiatischen Identität und darauf zu besinnen, dass in Mittelasien bis nach China hinein turksprachige Völker leben. Derlei öffnet den Blick und hilft, die Europa-Obsession etwas zu überwinden. Ein neues zwischenstaatliches Konstrukt könnte diese Entwicklung fördern.

Von Florian Stumfall

Die Türkei spielt mit dem Gedanken zusammen mit der Zollunion, die Russland, Weißrussland und Kasachstan verbindet, eine Freihandelszone zu bilden. Darüber führten der russische Minister für Wirtschaftsentwicklung, Alexej Uljukajew, und der türkische Wirtschaftsminister Nihat Zeybekci erste Gespräche. „Zeybekci sprach sich für eine engere Kooperation seines Landes mit der Zollunion aus. Wir diskutierten über mögliche Formen der Zusammenarbeit, darunter auch über die Bildung einer Freihandelszone“, sagte Uljukajew am Rande eines Treffens der G20-Handelsminister im fernen Sydney. Als erster Schritt wurde vereinbart, eine Arbeitsgruppe zu bilden und die Frage schon im September in Details zu erörtern. Derzeit hat die Türkei ein Abkommen über eine Freihandelszone mit der Europäischen Union.

Was wirtschaftlich naheliegend ist, erscheint politisch nicht ganz problemlos. Jede Wendung, die Ankara weg von der EU macht, trägt ein wenig das Flair unerwiderter Liebe oder beleidigten Bockens. Was aber noch schwerer wiegt: In dem Augenblick, in dem Europa und die USA immer neue Sanktionen gegen Russland verhängen und das in der erklärten Absicht, Russland zu isolieren, ein wie immer geartetes Bündnis mit Moskau einzugehen, ist ein starker Akzent.

Doch damit nicht genug. Die Aggression der USA gegen Russland hat verschiedene Gründe, einer davon ist das russisch-chinesische Bemühen um einen eigenen Status im Geflecht des weltweiten, heute noch von den USA dominierten Finanzsystems. Und ausgerechnet hier schüttet die Türkei noch Öl ins Feuer. Sie hat nämlich vorgeschlagen, den gegenseitigen Zahlungsverkehr auf nationale Währungen umzustellen. Im vergangenen Jahr belief sich der Warenumsatz zwischen Russland und der Türkei auf 32,7 Milliarden US-Dollar.

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Bereits Anfang März hatte sich Ankara beeilt zu versichern, dass die Ereignisse in der Ukraine keine Krise in den Beziehungen der Türkei mit Russland hervorriefen, so zitierte die Zeitung „StarGazete“ den türkischen Außenminister Ahmet Davutoglu. „Die Türkei hat keine Krise in den Beziehungen mit Russland, diese Beziehungen bleiben sehr stabil“, sagte er. „Notfalls werden wir nach Moskau kommen und bei der Regelung nicht nur der Krim-Frage, sondern auch der russisch-ukrainischen Beziehungen insgesamt helfen.“ Die Türkei werde die Beziehungen mit der EU nicht zum Nachteil Russlands entwickeln, fügte der Minister hinzu. „Es wäre ein großer Fehler, bei der Gestaltung unserer Beziehungen mit Europa Russland zu verwerfen. Dies ist unser wichtiger Nachbar in der Region.“

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