Foto: Wikimedia Commons

Je größer das Chaos im Irak wird, umso mehr steigen die Chancen der Kurden auf eine Loslösung und einen eigenen Staat. In der Geschichte gab es viele kurdische Fürstentümer und Herrschaften, aber nie eine einheitlichen kurdischen Staat. Der wurde diesem Volk, das als indogermanisch in seinem Umfeld eine ethnische Besonderheit darstellt, auch nach dem Untergang des Osmanischen Reiches verweigert. Die Alliierten des Ersten Weltkrieges teilten Kurdistan unter dem Iran, dem Irak, der Türkei und Syrien auf. Jetzt könnte sich an dieser Konstellation etwas ändern.

Von Florian Stumfall

Die Schwäche der Regierung in Bagdad, der Kampf zwischen Sunniten und Schiiten im Irak und das Öl, worüber die Kurden verfügen, schaffen für sie günstige Voraussetzungen. Sie kontrollieren eine Reihe von Provinzen im Norden des Irak, ihrem angestammten Siedlungsgebiet. Damit sind fast alle kurdischen Regionen im Irak unter ihrer Kontrolle.

Der russische Analytiker Aschdar Kurtow vom Institut für strategische Studien sagt: „Die jetzige Lage im Nahen Osten, die heftige Bemühung, den Irak zu destabilisieren sowie die Ausrufung eines Kalifates im Irak machen es den Kurden möglich, sich schnell auf ihre Unabhängigkeit zuzubewegen. Ihre bewaffneten Einheiten haben die Stadt Kirkuk an der Grenze zwischen den kurdischen und den arabischen Gebieten erobert. Zudem verfolgt die kurdische Regierung in Erbil einen von Bagdad unabhängigen außenpolitischen Kurs, indem sie Ölverträge mit der Türkei abgeschlossen hat. Es bleibt nur, ein paar Formalitäten zu erledigen, die Unabhängigkeit zu erklären und eine eigene Verfassung anzunehmen.“

Die dringlichste Frage, die sich bei der Bildung eines kurdischen Staates stellt, ist die nach dessen Verhältnis zur Türkei, in der eine starke kurdische Minderheit lebt. Nach Expertenmeinung bekäme die Türkei Schwierigkeiten, ihr ganzes Territorium zu kontrollieren, wenn sie keine grundsätzlichen politischen und verwaltungstechnischen Reformen unternimmt. Zwar könnten die Kurden eine taktische Allianz mit Ankara eingehen und so der Versuchung widerstehen, ihre Stammesbrüder sofort zur Sezession aufzurufen. „Doch bei der jetzigen Entwicklung, bei dieser Haltung des Westens, der USA und ihrer NATO-Verbündeten zu diesem Problem, wird die Tendenz für die Türkei langfristig einen zerstörerischen Charakter annehmen", meint der russische Politologe Stanislaw Tarassow. "Auf der Agenda steht heute entweder der Zerfall dieses Staates oder die Bildung eines neuen Staates auf föderativer Grundlage.“

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