Der Deal ging nach hinten los – ukrainischer Raps für deutsches Heizkraftwerk

Es klingt nach einem Schildbürgerstreich oder vielleicht auch Satire – der deutschen Wirtschaft scheint es einfach viel zu gut zu gehen. Wie sonst könnte man auf die Idee verfallen, in der Ukraine riesige Anbauflächen zu pachten auf denen der Raps wachsen soll, mit dessen Öl ein Uelzener Blockheizkraftwerk betrieben wird?

Von Daniela Disterheft

Wie kommt man darauf, ein Heizkraftwerk auf den Betrieb durch Rapsöl umzustellen? Das Deutsche Steuerzahlerinstitut (DSi) vermutet Profitgelüste. Erneuerbare Energien werden in erheblichem Maße staatlich gefördert. Erst wollten die Uelzner Stadtwerke ihr Glück mit Palmöl machen. Auch dafür wurde das Kraftwerk umgerüstet, entsprechende Beteiligungen an Palmöl – Plantagen in Südostasien erworben. Doch Eines hatte man nicht einkalkuliert: den massiven Protest durch Umweltschützer und Bürgerinitiativen, welche befürchteten, dass für die Errichtung der Palmölplantagen riesige Flächen des dortigen Urwaldes gerodet werden müssten. Kurzum: der Proteststurm war so heftig, dass man umdisponierte. Jetzt sollte es Rapsöl sein.

Für das innovative Vorhaben wurde eigens ein Unternehmen gegründet: Die Sustainable BioEnergy Holding GmbH (SBE). Aber Anbauflächen in Niedersachsen? Think big! Die Ukraine biete eine besonders gute Bodenqualität. Außerdem seien die erforderlichen Flächengrößen in Niedersachsen nicht zu bekommen. So die Argumentation. Die Anbauflächen in der Westukraine hingegen sind riesig. Außerdem hatte man nicht die Absicht, die Nahrungsmittelproduktion zu verdrängen.

Im Jahre 2009 erwarben die Stadtwerke Schwäbisch Hall 75 Prozent der Anteile der SBE. 25 Prozent verblieben bei den Stadtwerken Uelzen. Die problematischen politischen Verhältnisse, landwirtschaftliche Misswirtschaft und Korruption, machten das Ukraine-Engagement zu einem Verlustgeschäft. Seit 2008 wirtschaftet die SBE absolut gewinnfrei. Für die Stadtwerke Schwäbisch Hall bedeutet dieses Abenteuer einen Totalverlust in Höhe von rund 10 Millionen Euro. Die SBE selbst wurde inzwischen zum Preis von 3,7 Millionen Euro an einen landwirtschaftlichen Großbetrieb in der Ukraine verkauft.

Die Allgemeine Zeitung Uelzen vermeldet, dass dieser Verkauf auch durch die Übernahme tausender Pachtverträge, den bestehenden Maschinenpark und die Kosten der Aussaat für das Jahr 2014 beinhaltet, welche durch die SBE vorfinanziert wurde. Den Uelzener Bürgern werden mindestens 5,5 Millionen Schulden als Erinnerung an den globalen Versuchsballon bleiben. Das Bürgerbündnis „Wir für Uelzen“ und dessen Recherchen ergeben jedoch, dass die Verluste wesentlich höher zu veranschlagen sind. Das Bürgerbündnis kommt auf die Summe von 9 Millionen Euro. Anwalts- und Gerichtskosten nicht inbegriffen.

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Genaue Angaben zu Verlusten kann die SBE nicht machen. Die tatsächliche Summe dürfte erst nach umfangreichen gerichtlichen Auseinandersetzungen zu beziffern sein. Vorsichtshalber hat die SBE ihr Investitionsvolumen für die Jahre 2011 und 2012 um den Betrag von 5 Millionen Euro wertberichtigt. So der Geschäftsführer Markus Schümann gegenüber den Deutschen Wirtschafts Nachrichten. Die beiden Gesellschafter stellen sich auf Jahrelange Rechtsstreitigkeiten ein und suchen die Schuld für das Scheitern des globalen Abenteuers beim jeweils anderen.

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