Ukraine – Flucht der Minderheiten

Das Massaker von Odessa hat – außer den Tätern und ihren Hintermännern – nur den Westen kalt gelassen. Anderswo nimmt man die Untat als Menetekel und sucht, die richtigen Folgerungen daraus zu ziehen. Zu denen, die das tun, gehört die Jüdische Gemeinde der Stadt. Einige ihrer Mitglieder sind bei der jüngsten Gewaltorgie verletzt worden. Im Stadtzentrum von Kiew wurden mehrere orthodoxe Juden verprügelt und mit Messern verwundet. In Saporishshja und Simferopol hat der rechte Mob Synagogen geschändet.

Von Florian Stumfall

Die Zeitung „Jerusalem Post“ berichtet, es stünden 70 Omnibusse bereit, um bei einem weiteren Anwachsen der Gewalt die jüdischen Bürger in Sicherheit zu bringen. „Am Wochenende haben wir die Große Choral-Synagoge geschlossen und Studenten aus dem Stadtzentrum in Sicherheit gebracht. Wir hatten Angst vor einer Ausbreitung der Gewalt“, sagte Refael Kruskal, der örtliche Leiter der jüdischen Wohltätigkeitsorganisation Tikwa. 

In Odessa leben rund 30.000 Juden. Für die kommenden Tage ist geplant, außerhalb der Stadt ein provisorisches Lager für 600 Personen einzurichten, von wo aus die Menschen mit den Omnibussen weiterfahren könnten, wenn sich die Lage noch weiter verschlimmert. Als möglicher Zufluchtsort gilt die Hauptstadt des benachbarten Moldawien. Sie ist rund zweieinhalb Fahrstunden von Odessa entfernt. Im Sinne der Menschlichkeit sollte es keine Rolle spielen, dass die Moldau-Republik eine starke Tendenz zur EU zeigt und deshalb wenigstens offiziell über die Gewalt in Odessa eine andere Meinung zu vertreten hat als die Opfer.

Freilich sind es nicht nur die Juden, die aus dem Machtbereich von Kiew fliehen. Seit rund zwei Monaten verlassen zunehmend Angehörige nationaler Minderheiten die Ukraine. Es handelt sich dabei um Russen, Polen, Ungarn, Tschechen und Deutsche. die alle weniger wegen der Unruhen, sondern wegen der Umtriebe von Neonazis ihre Heimat verlassen. So werden Priester der Ukrainischen Orthodoxen Kirche bedroht, und es ist schon vor ein paar Wochen versucht worden, das Kiewer Höhlenkloster und das Potschajewski-Kloster zu stürmen, berichtet der Politikwissenschaftler Oleg Matwejtschew: „Es gab Überfälle auf die Kirche, auf Militärobjekte; Russen wurden gefoltert. Im Land herrscht Chaos, es gibt keinen Staat und keine legitime Regierung.“

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Der ukrainische Politikwissenschaftler Rostislaw Ischtschenko sagt: „Die heutigen ukrainischen Behörden versuchen, einen monoethnischen, im Grunde genommen aber nazistischen Staat aufzubauen. Jede beliebige nationale Minderheit wird als Bedrohung für diese monoethnische Struktur wahrgenommen … Die ukrainischen Behörden versuchen, eine gewaltsame Ukrainisierung aller nationalen Minderheiten durchzuführen. Das kann nicht auf friedlichem Wege geschehen.“

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