Vor dem 25. April 1974 war es nicht möglich etwas in Portugal zu veröffentlichen, ohne die vorherige Korrektur durch die Zensurbehörde des Estado Novo, welche jeden Text erst freigeben musste. Die Journalisten jener Zeit mussten trickreich sein, um die Zensur des "Lapis Azul" – des "blauen Stiftes" zu umgehen. Heute ist die Zensur zwar offiziell abgeschafft, aber sie existiert weiter in den Redaktionen, wenn die „Nationale Sicherheit“ in Gefahr ist, die Schweigepflicht missbraucht wird, oder eine polizeiliche Untersuchung nicht gefährdet werden darf. Doch die schlimmste Zensur ist die in unseren Köpfen.

Von Ruí Filipe Gutschmidt

Ein Student  hat während seiner Recherchen über die Zensur und das portugiesische Kino vor 1974 für seine Diplomarbeit einen Brief gefunden, der im Netz der politischen Polizei PIDE (später DGS) hängengeblieben war. Als er den Brief 39 Jahre später dem früheren Journalisten und heutigen Medienmagnaten Francisco Pinto Balsemão übergab und dem Autor, dem mehrfachen portugiesischem Premierminister, Präsident der Republik und langjährigen Vorsitzenden der Sozialisten (PS), Mário Soares, davon in Kenntnis setzte schnitt er ein Thema an, welches lange Zeit ein Tabu war.

So wurde eine Lawine losgetreten, von Reportagen, Talk-Shows und allerlei Veranstaltungen rund um das Thema Zensur. Vor dem Hintergrund des vierzigsten Jahrestages der Nelkenrevolution, haben Journalisten und Künstler ihre Erinnerungen mit den jüngeren Generationen geteilt. Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und künstlerische Freiheit werden heute als selbstverständlich angesehen. Doch wenn wir nicht wachsam sind, werden diese Freiheiten im Namen der nationalen Sicherheit, des Schutzes der Privatsphäre, der Verbrechensbekämpfung oder gar um Moral und kulturelle Identität zu gewährleisten geopfert.

Zweifellos muss es Grenzen geben, die wir uns nicht zuletzt selber setzen müssen. Doch ist dies ein Thema, das in einer freien Gesellschaft offen diskutiert werden und auf einer möglichst breiten Basis des Konsenses stehen muss!

In einer Zeit, in der die portugiesische Gesellschaft sich immer mehr bewusst wird, dass die Freiheit, die am 25. April 1974 errungen wurde, immer wieder verteidigt werden muss. Die Zensur ist eine mächtige Waffe um die Freiheit der Menschen einzuschränken.

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Gut informierte, selbstständig denkende, unabhängige und vor allem engagierte Bürger sind den mächtigen Eliten ein Dorn im Auge. Das ist in jedem autoritären Regime der Fall. Aber auch in unseren westlichen Demokratien gibt es immer mehr Druck auf die Medien, die Kunst und sogar auf unsere ganz persönliche Meinung.

Da bekommen wir dann zu hören, wir würden laufende polizeiliche Untersuchungen behindern, wenn wir über einen Fall berichten in dem es um Korruption auf höchster Ebene geht. Oder wir verletzen die Privatsphäre der sogenannten Promis, weil wir über seine neuesten sexuellen Umtriebe mit Minderjährigen oder Prostituierten schreiben. Künstler werden aus allen öffentlichen Events herausgehalten, wenn sie sich nicht dem Mainstream unterordnen und ihre Autorenrechte an Itunes und Co, (für’n Appel und 'n Ei) abtreten oder unliebsame Wahrheiten anprangern.

Unsere E-Mails und Tweets, Posts und Komentare werden „automatisch“ auf Stichwörter gescannt. Aber am schlimmsten ist es, wenn man die „Nationale Sicherheit“ verletzt! Und das ist nicht nur in den Filmen und TV-Serien Hollywoods, oder in den USA der Fall. Auch hier in Europa haben wir diese neue Sorte blauer Stifte!

Nun hat sich in Portugal  in den letzten Jahren die Angst etwas Falsches zu sagen wieder in die Köpfe der Menschen geschlichen. Die Selbstzensur nährt sich am psychischen Druck des Zweifels. Stimmt das auch? Kann ich das so sagen, es beweisen? Ist das gut für meine Karriere? Was sagt mein Chef dazu? Ist das legal? Man denkt noch, ich wäre ein Kommunist, schwul, ein Nazi, ein Spinner…

Die Zensur wurde also abgeschafft und die Zensurbehörde geschlossen, ihre Mitarbeiter umgeschult und versetzt. Doch in Wahrheit hat sie uns nie verlassen. Der „Blaue Stift“ ist heute in unseren Köpfen. Und wenn wir den Druck nicht wegnehmen, wird er dort immer stärker!

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