Nummer Drei unserer Reihe "Fragen & Antworten" ist die Spitzenkandidatin der österreichischen Grünen, Ulrike Lunacek, die seit 2009 als Europaabgeordnete und seit 2013 als Vizepräsidentin der Grünen/EFA Europafraktion im Europäischen Parlament tätig ist. Frau Lunacek zeigt mit ihren Antworten, dass grüne Politik deutlich mehr als nur Umwelt- und Minderheitenpolitik ist.

Ulrike  LunacekAls eine Kämpferin für die Frauenrechte, engagierte Aktivistin für die Gleichstellung aller sexuellen Orientierungen, sowie couragierte Politikerin in Sachen Flüchtlinge und Entwicklungshilfe, möchte sie hier unseren Leserinnen und Lesern ihre Standpunkte zu unseren 15 Fragen mitteilen. Wie die ausführlichen Antworten von Frau Lunacek verdeutlichen, vermögen die österreichischen Grünen durchaus interessante Akzente in Europa zu setzen.

01. Die EU steht wirtschaftlich, sozial und politisch vor großen Herausforderungen. Welche besonderen Akzente wollen Sie in diesen Bereichen mit Ihrer Partei in der kommenden Legislaturperiode setzen?

Wir wollen die Einführung europäischer Wahllisten für die Wahl der Europa-Abgeordneten. Die SpitzenkandidatInnen sollen gleichzeitig für die Spitzenpositionen in der Europäischen Kommission antreten. KandidatInnen für die Kommission sollten sich auf europäischen Listen den WählerInnen stellen und nicht erst nach der Wahl von den Regierungen aus dem Hut gezaubert werden.

Die europäischen BürgerInnen sollen ihre Zukunft im gemeinsamen Europa selbst bestimmen: in europaweiten Volksabstimmungen. Mit einer doppelten Mehrheit soll die Mehrheit der BürgerInnen und die Mehrheit der Mitgliedsländer über weitreichende Integrationsschritte entscheiden. Stärkung der direkten Demokratie durch eine Reform des europäischen Bürgerinitiativenrecht für alle europäische Themen. Auch solche, die nur durch eine Änderung der Verträge erfolgen könnten.

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Für die Verwirklichung dieser Zukunftsaufgaben bedarf es eines neuen Anlaufes zur Änderung der Verträge. Dieser soll in einem durch direkte Wahl zusammengesetzten europäischen Konvent unter starker Einbeziehung der Zivilgesellschaft erarbeitet werden in dem auch Europasteuern eingeführt werden, die ein großes grünes Investitionsprogramm für Millionen grüner Arbeitsplätze und einer Umsteuerung der Energiepolitik auf Unabhängigkeit und Erneuerbare auf den Weg bringen kann.

02. Europapolitik gilt in Österreich trotz der enormen innenpolitischen Bedeutung für unser Land immer noch als Außenpolitik. Wird das Thema Europa Ihrer Ansicht nach hierzulande zu wenig forciert?

Ich denke, sehr wichtige Themen brauchen gar nicht erst "forciert" zu werden, um einen entsprechenden Platz in der öffentlichen Debatte einnehmen zu können. Es würde schon reichen, wenn ihre Wichtigkeit nicht verschwiegen würde. Das beginnt bei unserer Regierung, die lieber erzählt, was sie verhindert hat, statt darzustellen, was sie für eine funktionierende Gemeinschaft gemeinsam mit den anderen Mitgliedern des Rats beschlossen hat. Die nationalen Politikerinnen und Politiker können sich umso mächtiger darstellen, umso weniger über die europäische Ebene bekannt ist. Und dass so wenig über die EU bekannt ist, ist auch ein Problem des medialen Diskurses, der noch immer die Berichterstattung über die EU auf Probleme und Krisen fokussiert.

Ich werde auch in der nächsten Legislaturperiode meine Aufgabe darin sehen, den europäischen Politikprozess transparent darzustellen, über meine Arbeit zu berichten, an Diskussionen teilzunehmen, Bürgeranfragen zu beantworten und gemeinsam mit vielen anderen für so etwas wie eine europäische Öffentlichkeit zu kämpfen. Denn Recht auf Information und Transparenz ist ein Grundbestandteil für die aktive Teilhabe der Bevölkerung am politischen Prozess in einer Demokratie.

03. Vielen Menschen gilt die EU angesichts des enormen Lobbyapparats – insbesondere der Finanzindustrie – und der mächtigen Europäischen Kommission als bürgerfernes Gebilde. Das Europäische Parlament hat hierbei vergleichsweise wenig Einfluss, obwohl dessen Kompetenzen mit den Verträgen von Maastricht und Lissabon deutlich erweitert wurde. Wie demokratisch ist die EU Ihrer Ansicht nach wirklich?

Der Lissabon-Vertrag ist am 1.Dezember 2009 in Kraft getreten und hat die Rechte des Europäischen Parlamentes gestärkt. Inzwischen ist dieser durch die Finanzkrise an seine Grenzen gestoßen. Die im Vertrag vereinbarte finanzielle Unterstützung für einzelne Euro-Krisenstaaten konnte nicht mehr geleistet werden. So musste zum Beispiel der Europäische Stabilitätsmechanismus (ESM) außerhalb der europäischen Verträge geschlossen werden: Der ESM ist ein eigener völkerrechtlicher Vertrag zwischen den Regierungen der Mitglieder der Euro-Zone zur Stärkung der finanziellen Basis des Euro. Für den ESM musste gleichzeitig auch der Reformvertrag verändert werden, damit er nicht vom deutschen Verfassungsgericht als grundgesetzwidrig verhindert wird. Art 136 über die Arbeitsweise der Europäischen Union wurde dem Lissabon Vertrag hinzugefügt. Auch der Fiskalpakt, der die restriktive Budgetpolitik Deutschlands – Schuldenbremse – auf die ganze Union ausdehnt, wurde außerhalb der europäischen Verträge in Form eines eigenen Vertrages beschlossen.

Durch diese völkerrechtlichen Verträge außerhalb des Europarechtes wurde die Krisenpolitik wieder ausschließlich den nationalen Regierungen im Rat überantwortet. Die Gemeinschaftsinstitutionen Europäisches Parlament und Kommission laufen damit Gefahr aus den zentralen Zukunftsentscheidungen, die mit der Finanz- und Wirtschaftskrise verbunden sind, an den Rand gedrängt zu werden.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise zeigt, dass die Europäische Union schwere Defizite hinsichtlich ihrer solidarischen Handlungsfähigkeit aufweist, und ebenso hinsichtlich ihrer demokratischen Ausgestaltung. Das Europäische Parlament hat nach wie vor kein Initiativrecht und nur beschränkte Budget- und Kontrollrechte.

04. Mittelfristig wird die Frage über die Konstitution der EU wohl immer dringlicher werden. In einer unserer (nicht repräsentativen) Onlineumfragen sprach sich die Mehrheit der Teilnehmer für die Schaffung eines Europas der Nationen, bzw. der Regionen aus. Die Idee der "Vereinigten Staaten von Europa" scheint offenbar nicht viel Zustimmung zu finden. Wie soll die EU Ihrer Ansicht nach zukünftig organisiert sein?

Die Krise hat die politischen Defizite der Union schonungslos offen gelegt. Die nationalen Regierungen agieren auf Basis nationaler Egoismen. Sie sind als Entscheidungsträger für das gemeinsame Europa ungeeignet: zu langsam, zu spät, zu zögerlich wurde beispielsweise den Spekulationen gegen einzelne Mitgliedstaaten der Eurozone begegnet. Daher treten wir für folgende Neuerungen der Verträge ein:

Ein Sitz für das Parlament

Im Sinne der Effizienz soll es in Zukunft nur noch einen Parlamentssitz in Brüssel geben. Der auch ökologisch kontraproduktive Reisezirkus nach Straßburg wird damit beendet.

Übersichtliche Institutionenreform
Der Rat der Regierungen wird zu einer „Länderkammer“ umgebaut und mit dem Europaparlament gemeinsam zur Legislative. Das Europäische Parlament erhält in diesem Zweikammersystem das Initiativrecht für Gesetzesvorschläge, volles Budgetrecht und alle Kontrollrechte eines Vollparlamentes. Wie auf nationaler Ebene üblich, soll die europäische Regierung (Kommission) direkt durch das Europäische Parlament gewählt und abgewählt werden können.
Das Europäische Parlament wird zum zentralen Entscheidungsorgan in der europäischen Krisenpolitik. Diese darf nicht länger der undemokratischen Troika überlassen werden.

Neue Kompetenzen
Die Beseitigung von einzelstaatlichen Vetorechten bzw. der Übergang von der Einstimmigkeit zur qualifizierten Mehrheit. In einem ersten Schritt zumindest in Fragen der Steuerharmonisierung und der Möglichkeit der Einhebung von Europasteuern.

05. EZB-Direktor Mario Draghi und die südeuropäischen Länder wollen die Eurobonds zur Finanzierung der europäischen Haushaltsdefizite einführen. Unterstützung erhalten sie hierbei von den Spitzenkandidaten der beiden größten Fraktionen, Jean-Claude Juncker (EVP) und Martin Schulz (S&D). Halten Sie diese Vergemeinschaftung von Schulden für sinnvoll?

​Wir treten für Eurobonds ein, damit Spekulanten nicht mehr die Staatsanleihen einzelner Staaten gezielt angreifen können. Niedrige Zinssätze für Staatsanleihen sind Voraussetzung für die nachhaltige Finanzierung von Staatshaushalten und die wirtschaftliche Weiterentwicklung Europas. Nur durch ein gemeinsames Schuldenmanagment der Eurostaaten kann ein effektiver Schutz für eine leistbare Staatsfinanzierung aller Mitgliedstaaten errichtet werden.

06. In Österreich gilt der Euro oftmals als "Teuro", obwohl die Inflationsrate seit der Euroeinführung im Schnitt niedriger ist als zu Schillingzeiten. Wo sehen Sie die Vor- und Nachteile der Gemeinschaftswährung? Wäre Österreich ohne Euro heute Ihrer Ansicht nach besser oder schlechter gestellt?

​Bei all den Konstruktionsfehlern der Wirtschafts- und Währungsunion bringt die gemeinsame Währung in Europa viele Vorteile sowohl für die Wirtschaft als auch für die BürgerInnen. Europa ist ein großer Binnenmarkt, in dem sich durch den Euro Handelstätigkeiten erleichtern. Auch die BürgerInnen wissen es zu schätzen, dass bei Reisen ins Euro-Ausland das Geldwechseln wegfällt.

Aus Grüner Sicht müssen die Konstruktionsfehler schleunigst beseitigt und die Eurozone z.B. durch gemeinsame europäischen Anleihen, die die Refinanzierung der Nationalstaaten gewährleistet, stabilisiert wird. Angesichts von Rekordarbeitslosigkeit und der schwächelnden Konjunktur ist es ein Gebot der Stunde, die europäische Wirtschaft durch ein grünes Investitions- und Wachstumsprogramm anzukurbeln.

Österreich hat von der europäischen Integration jedenfalls profitiert. Ob wir ohne Euro besser da stehen würden, liegt im Bereich der Spekulation. Tatsache ist, dass der Euro bisher unvollständig geblieben ist. Wir Grüne setzen uns dafür ein, dass die Währungsunion zur einer Haushalts-, Wirtschafts- und Sozialunion weiter entwickelt wird. Nur so kann die Krise bewältigt werden.

07. Das transatlantische Freihandelsabkommen TTIP wird angesichts der intransparenten Verhandlungen, der massiven Lobbyarbeit von Konzernen, sowie der abschreckenden Beispiele anderer derartiger Abkommen zwischen den USA und weiteren Ländern wohl zurecht kritisiert. Was halten Sie von diesem Abkommen?

​Wir Grüne stehen dem derzeit verhandelten EU-USA-Freihandelsabkommen sehr kritisch gegenüber. Wenn das TTIP Abkommen wirklich so umgesetzt wird, wie sich das große amerikanische und europäische Konzerne wünschen, würde das weitreichende Eingriffe in das Leben von uns BürgerInnen bringen: Atomkraft-Ausstieg, Fracking-Verbot und hohe Lebensmittelstandards stehen den Profiten einzelner Konzerne in Europa und den USA im Weg. Umwelt-, Sozial-, KonsumentInnenschutz-, Datenschutzstandards, Arbeitsrechte etc. drohen ausgehöhlt zu werden.
Als besonders problematisch erachten wir, dass Investor-Staat-Klagemöglichkeiten Teil der Verhandlungen sind.Diese Klausel würde es US-Investoren ermöglichen, europäische Staaten im Falle eines Gewinnentgangs gegen Arbeits-, Sozial- und Umweltgesetze zu verklagen. Wir erachten diese Klausel nicht nur als Angriff auf die Demokratie sondern halten sie auch für überflüssig, da sowohl in der USA als auch in Europa Investoren auf hochentwickelte Justizsysteme vertrauen können.

Zudem finden die Verhandlungen hinter verschlossenen Türen statt.Das widerspricht dem Interesse der 500 Millionen BürgerInnen der EU, die das Recht haben, zu erfahren, was in ihrem Namen ausverhandelt wird. Wir Grüne fordern, dass die Verhandlungen gestoppt werden, bis vollständige Transparenz hergestellt ist. Die Verhandlungsdokumente sowie die Ergebnisse jeder Verhandlungsrunde sollen veröffentlicht werden, damit öffentliche Debatten darüber stattfinden können, ob das, was verhandelt wurde, auch die Zustimmung der BürgerInnen erhält. Es gibt keinen zwingenden Grund die Verhandlungen vor der Öffentlichkeit geheim zu halten.

08. Die Arbeitslosigkeit, insbesondere die Jugendarbeitslosigkeit, in der EU ist – unter anderem als Folge der Austeritätspolitik – nach wie vor erschreckend hoch. Selbst Österreich vermeldet trotz hoher Beschäftigung rekordverdächtige Arbeitslosenzahlen. Welche Maßnahmen wollen Sie und Ihre Partei im Rahmen der Möglichkeiten des Europäischen Parlaments setzen, um den Arbeitsmarkt wieder in Schwung zu bringen?

Die Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise treffen junge Menschen überproportional, in vielen europäischen Ländern ist die Situation dramatisch. Ohne aktive politische kohärente Maßnahmen wird die soziale und wirtschaftliche Stabilität Europas gefährdet sein. Neben dem vorrangigen Streben des EU-Jugendbeschäftigungspakets Jugendliche in den Arbeitsmarkt zu bringen, muss der Qualität und Stabilität dieser Arbeitsplätze stärker Beachtung geschenkt werden (Verhinderung von Prekarisierung). Denn gerade junge BerufseinsteigerInnen sind mit atypischen und prekären Jobs konfrontiert, die keine bis nur geringe soziale Absicherung bringen.

09. In vielen Ländern Europas gibt es recht starke Sezessionsbewegungen. Schottland führt bald ein Referendum durch, Katalonien trotz des Verbots ebenso. Auch Venetien möchte sich von Italien lösen. Was halten Sie von diesen Bestrebungen?

Die genannten Beispiele zeigen, dass relativ reiche Regionen, sich von ärmeren Regionen oder Staaten abspalten wollen. Ich erachte diese Tendenz für ein unerfreuliches Ergebnis der Entsolidarisierung, die in der ganzen Welt beobachtet werden kann und die der Gier und dem Geiz der Reichen und Vermögenden geschuldet ist.Unsere Antwort ist so einfach wie eindeutig: Schluss mit dem Kaputtsparen und her mit einem grünen Investitionspakt und einer Sozialunion. Wir brauchen ein solidarisches Europa in dem allen klar wird, was der Nutzen des Zusammenhaltens ist.

10. Die Maidan-Revolutionäre wurden von der EU und den USA stark unterstützt. Wie inzwischen bekannt wurde, sollen bei den Unruhen in Kiew Scharfschützen aus dem "Rechten Sektor" für die Morde an Demonstranten und Polizisten verantwortlich sein. Heute stellen deren Mitglieder maßgebliche Teile der neu gegründeten Nationalgarde. Ebenso ist die Swoboda-Partei, auf deren Aufmärschen Hakenkreuzfahnen geschwungen werden, Teil der neuen Regierung und stellt in einigen westlichen Regionen die Gouverneure. Hat die EU Ihrer Ansicht nach mit der Unterstützung der Maidan-Koalition richtig gehandelt?

Der von Scharfschützen begangene Massenmord auf dem Maidan ist das bislang brutalste und erschreckenste Kapitel der Geschehnisse der letzten Monate in der Ukraine. Wir haben uns von Beginn an für eine unabhängige Untersuchung dieses Verbrechens unter Beobachtung von OSZE und Europarat ausgesprochen. Bevor deren Ergebnisse vorliegen, ist es nicht seriös zu schreiben, wer die Schüsse tatsächlich abgefeuert hat, weshalb wir Ihre These, dass die Schützen dem "Rechten Sektor" angehören, nicht teilen.

Wir verwehren uns auch dagegen, dass jede moralische Unterstützung von Aktivisten die für einen Kampf gegen die Korruption und Misswirtschaft des Janukowitsch-Clans und für eine europäische Ausrichtung der Ukraine automatisch eine Unterstützung der rechtsradikalen Kräfte in der Ukraine darstellt. Wir kritisieren sowohl den "Rechten Sektor" als auch die Partei Swoboda scharf. Ihre Form des Nationalismus, ihr Rassismus, ihre Homophobie und ihre Verherrlichung von Kriegsverbrechern und auch ihr Agieren, wie die Gewalt gegenüber einem Fernsehchef in Kiew vor wenigen Wochen können durch nichts legitimiert werden. Auch aus unserer Sicht ist es höchst bedenklich, dass diese Partei in der Übergangsregierung sitzt und es ist zu hoffen und darauf hin zu arbeiten, dass sie das so kurz als möglich tun wird.

Aus heutiger Sicht betrachtet, wurde von Seiten der EU der Einfluss der rechtsextremen Kräfte in der Protestbewegung allem Anschein nach unterschätzt. Das war, um auf Ihre Frage zurück zu kommen, nicht richtig.

11. Seit der Volksabstimmung auf der Krim (die schon 1991 ein Referendum darüber abhalten wollte) zugunsten der Rückkehr der Halbinsel zu Russland, sind die Beziehungen zwischen der EU und Russland auf enen Tiefpunkt angelangt. Halten Sie die daraufhin beschlossenen Sanktionen gegen Russland für gerechtfertigt, oder hätten sie sich eine andere Vorgehensweise des Westens gewünscht?

Betrachtet man die gegenwärtigen Ereignisse in der Ukraine, so ist klar, dass von allen Seiten Fehler gemacht wurden. Aus heutiger Sicht gesehen, ist natürlich leicht zu sagen, dass man sich eine andere Vorgehensweise gewünscht hätte, doch ist das Wichtigste in der gegenwärtigen Situation, dass man gemeinsam eine weitere Eskalation der Gewalt in der Ostukraine eindämmt und einen Wirtschaftskrieg mit Russland verhindert.

Aus einer Position der aktiven Neutralitäts- und Friedenspolitik geht es jetzt vor allem darum zu einem geordneten Dialog mit Russland zurück zu finden. Wir sehen schon, dass dafür auf beiden Seiten eine Reihe von Schritten gesetzt wurden, die wenig ermutigend sind. Umso wichtiger erscheint es uns aber jetzt, OSZE und Europarat und wenn die Sache weiter eskaliert, auch die Vereinten Nationen als Zentrum der Konfliktvermittlung für die Ukraine, aber auch zwischen Russland und der Union einzusetzen. Dort und nur dort sind alle direkt und indirekt beteiligten politischen Akteure in der einen oder anderen Weise vertreten. Und daher kann in diesen internationalen Organisationen am besten ein Ausweg für die Zukunft gefunden werden. Die Ukraine sollte eine Brückenfunktion in Europa einnehmen können, was eine interne politische Verständigung und eine Aussöhnung mit Russland voraussetzt. Die Bevölkerungszusammensetzung der Ukraine böte dafür grundsätzlich positive Voraussetzungen.​ ​

Dem Vorschlag des österreichischen Außenministers folgend und um die Ukraine wirtschaftlich überlebensfähig zu machen, sollte die Europäische Union Verhandlungen über eine Intensivierung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit mit den Staaten der Region – Ukraine, Russland und Moldawien – aufnehmen.​

12. Soll Österreich angesichts der aktuellen weltpolitischen Lage auf die Neutralität verzichten und Mitglied der NATO werden?

​Dafür gibt es überhaupt keinen Grund. Ganz im Gegenteil. Die österreichische Ukraine-Politik mit der Initiative der Grünen, dass die Ukraine auch neutral werden soll zeigt die Aktualität dieses Konzeptes auch für andere Teile Europas. Gäbe es die Neutralität Österreichs nicht, sie müßte als eigenständiges Element in der EU neu erfunden werden.

13. Wie bekannt wurde, zählte Österreich aufgrund der hohen Dichte an internationalen Einrichtungen, der geringen Größe des Landes, sowie zentralen Lage mit vielen mittel-osteuropäischen Nachbarn zu jenen Staaten, die vollumfänglich von den US-Geheimdiensten überwacht werden. Sollte man Ihrer Meinung nach auf Ebene der EU deutlich mehr Druck auf die USA ausüben, damit die intensive Überwachungstätigkeit massiv eingeschränkt wird?

Ich bin absolut davon überzeugt, dass der Druck auf die USA größer sein müsste. Wir Grüne haben dafür sowohl auf nationaler als auch auf europäischer Ebene gekämpft und werden uns auch weiterhin mit aller Kraft dafür einsetzen. Noch immer wird die Außenpolitik hauptsächlich in den europäischen Hauptstädten entschieden und im Gegensatz zum Europäischen Parlament war von einem großen Protest oder gar einer Druckausübung gegenüber den USA bedauerlicherweise wenig zu sehen.

Im Europäischen Parlament wurde bereits im Jahr 2001 erstmals die Existenz des Abhörsystems "ECHELON" amtlich. Das EP untersuchte und kritisierte das Überwachungssystem massiv. Den Bericht dazu finden Sie hier: http://tinyurl.com/yqsrgv

Auch die NSA-Überwachung wurde im Gegensatz zum Vorgehen der nationalen Parlamente und den entsprechenden Regierungsmehrheiten in den Nationalstaaten nirgendwo so genau untersucht, wie im Europäischen Parlament. Den Bericht über das Überwachungsprogramm der Nationalen Sicherheitsagentur der Vereinigten Staaten, die Überwachungsbehörden in mehreren Mitgliedstaaten und die entsprechenden Auswirkungen auf die Grundrechte der EU-Bürger und die transatlantische Zusammenarbeit im Bereich Justiz und Inneres, der viele Grüne Forderungen, wie einen klaren Stopp der massenhaften Übermittlung von Daten an die USA (SWIFT etc.) und einen "digitalen New Deal" zur Stärkung einer unabhängigen IT-Industrie mit abhörsicheren Produkten fordert, finden Sie hier: http://tinyurl.com/lmh8jkn

Unsere Forderung der Aussetzung der Verhandlungen zu einem transatlantischen Investitions- und Freihandelsabkommen (TTIP) wurde leider ebenso wie der Zeugenschutz für Edward Snowden von der Mehrheit aus Konservativen und Sozialdemokraten abgelehnt.​

14. Warum sollten die Österreicherinnen und Österreicher am 25. Mai ausgerechnet Ihnen und Ihrer Partei ihre Stimme geben?

​Weil es für die großen Herausforderungen, vor denen wir stehen, Klimawandel, Finanz- und Wirtschaftskrise usw., ein gemeinsames Handeln mit starken Grünen als Impulsgeber braucht. Diese können nicht von einzelnen Staaten, sondern nur im Verbund angegangen und wirksam bekämpft werden. Bei den Sozialstandards, bei der Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit oder im Kampf gegen Steueroasen, bei der Lebensmittelkontrolle, bei der besseren Koordinierung von grenzüberschreitendem Verkehr, bei der Energiewende, beim Naturschutz … für das alles braucht es mehr gemeinsames Vorgehen, mehr Koordination, mehr EU. Gleichzeitig muss sich die Union nicht um alles kümmern. Da gilt es die richtige Balance zu finden, und wir Grüne haben dafür ein gutes Gespür.

15. Möchten Sie vielleicht noch ein paar Worte an unsere Leserinnen und Leser richten?

Mein Ziel ist es, die Menschen wieder daran zu erinnern, was sie an der Union haben. Die EU ist das größte und erfolgreichste Friedensprojekt aller Zeiten; wir können uns innerhalb der Union frei bewegen, müssen an vielen Grenzen unser Geld nicht mehr wechseln; SchülerInnen, Lehrlinge und StudentInnen können Abschnitte ihrer Ausbildung relativ unkompliziert in anderen EU-Mitgliedsstaaten absolvieren, ganz Europa steht uns offen, was unseren Wohn- und Arbeitsort anbelangt. Das alles wird heute als selbstverständlich genommen. Vielen ist auch nicht bewusst, dass Menschen in Ländern und Regionen außerhalb der EU uns um diese Union beneiden und nicht verstehen, wie es Versuche geben kann, dieses Projekt zu zerstören.

 

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