EU-Austritt würde britische Finanzindustrie hart treffen

Egal ob man Nigel Farrage und seine UKIP mag oder nicht, doch vor deren Wunsch nach einem EU-Austritt Großbritanniens ("Brexit") zittert vor allem ein Wirtschaftszweig: die britische Finanzindustrie der City of London. Ein Grund mehr, die Briten ziehen zu lassen?

Von Marco Maier

Seit dem fulminanten Wahlerfolg der als populistisch geltenden United Kingdom Independent Party (UKIP) bei den Wahlen zum Europäischen Parlament, schlottern in manchen Kreisen des britischen Establishments die butterweichen Knie. Denn das erklärte Ziel der Partei, die mit 27,5 Prozent der Stimmen zur stärksten britischen Partei im Europaparlament wurde lautet: Raus aus der EU! Die diesbezüglichen früheren Drohungen des Finanzministers (siehe hier) wurden ja nicht ernst genommen.

Gemäß der Studie "Brexit or Fixit?" des "Centre for Economic Performance" an der London School of Economics würde ein Abschied des britischen Königreichs aus der EU zu einem Rückgang der nationalen Wirtschaftsleistung um bis zu 9,5 Prozent führen, und das Land damit härter treffen als die Finanzkrise 2008/2009. Zwar würden sich die Briten dann 8,6 Milliarden Pfund (10,6 Milliarden Euro) an Geld sparen, welches heute nach Brüssel fließt, was jedoch durch diverse Handelshemmnisse wie Zölle und Steuern wieder aufgefressen würde.

Dabei vergessen die Panik verbreiten wollenden Superstrategen jedoch zu erwähnen, dass die Briten wie die Schweiz, Norwegen und andere Staaten auch bilaterale Abkommen abschließen können. Ein Abbau von Zollschranken ist (siehe Handel mit den USA, wo die Zölle im Schnitt gerade einmal rund 3 Prozent ausmachen) ist ja nicht exklusiv mit der EU-Mitgliedschaft verbunden.

Die Finanzoligarchie jammert

Der interessanteste Aspekt jedoch liegt jedoch in der Situation der Finanzindustrie, die es sich in der ominösen City of London gemütlich machte. Diese würde nämlich ganz besonders unter einem "Brexit" leiden und zum Großteil des BIP-Rückgangs beitragen. Doch was juckt es den gewöhnlichen Briten, wenn die Finanzhaie im Herzen der britischen Hauptstadt leiden? Immerhin muss der normale britische Bürger und jedes reguläre britische Unternehmen seine Steuern an den Schatzkanzler des Vereinigten Königreichs abführen, während sich die Finanzoligarchie ein kleines Steuerparadies schuf.

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Schlussendlich würde der EU-Austritt Großbritanniens jedoch lediglich bedeuten, dass zwar die nationale Wirtschaftsleistung insgesamt drastisch einbricht, davon jedoch lediglich rund eine halbe Million Finanzleute direkt betroffen wären. Am Beispiel der City of London: die rund 350.000 Beschäftigten (ca. 0,5 Prozent der Gesamtbevölkerung) dort lukrieren 2,4 Prozent des nationalen Einkommens (siehe auch hier). Insgesamt "erwirtschaftet" der Sektor "Unternehmensbezogene und Finanzdienstleistungen" (interessant dazu) rund ein Drittel des ganzen Bruttoinlandsprodukts des Vereinigten Königreichs, davon die engere Finanzindustrie nochmals ein Drittel (10 Prozent des nationalen BIP).

Ein Vorteil für die EU?

Für die EU würde ein Abschied Londons aber auch bedeuten, dass die Finanztransaktionssteuer, die z.B. in China bereits Anwendung findet und dort keine signifikanten Einbrüche an den Börsen verursacht hat, doch umgesetzt werden könnte. Deutschland und Frankreich mussten sich stets dem britischen Veto geschlagen geben, da die britische Politik stets im Interesse der Finanzindustrie handelte.

Ebenso sind es die Briten, die sich stets für einen rigorosen Sozialabbau in der Europäischen Union stark machten. Ginge es nach London, wäre ganz Europa schon zum selben deregulierten und liberalisierten Finanzcasio verkommen wie das Vereinigte Königreich selbst. Dabei zeigen die ganzen Bankenrettungspakete die infolge der jüngsten Finanzkrise gepackt wurden, dass schon jetzt nicht mehr viel dazu fehlt. Ohne den Finanzindustrie-Lobbystaat könnte vielleicht eher noch eine Trendwende geschafft werden. Aber nur, wenn die Regierungen der EU-Mitgliedstaaten es so wollen.

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