Von den Pilgervätern angefangen bis hin zu den US-geführten Siegeszügen von Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit im Irak, in Libyen, Syrien und der Ukraine gebärdet sich Washington als der Hort der Menschlichkeit. Wenn es Korrekturen anzubringen gilt, dann nur bei anderen, nie im eigenen Haus. Doch gerade da scheint manches im Argen zu liegen.

Von Florian Stumfall

Wie das International Centre for Prison Studies für die Jahre von 2011 bis 2013 ausweist, gab es in den USA während dieser Zeit durchschnittlich 707 Strafgefangene pro 100.000 Einwohner. In Russland waren es 474. England, die Heimat des Kriminalromans, erscheint darin mit dem bescheidenen Wert von 148. Selbst die Türkei, zwar EU-Anwärter, aber keineswegs Hochburg der Menschenrechte, liegt mit 188 Strafgefangenen weit unter der Marke der USA. Im Jahr 2012 waren fast 25 Prozent der weltweit gefangen gehaltenen Menschen in den USA eingesperrt, obwohl dort nur fünf Prozent der Weltbevölkerung leben.

Zu denken geben nicht nur die absoluten Zahlen, sondern vor allem auch deren Entwicklung. Noch im Jahr 1973 gab es in den USA nur etwa 200.000 Gefangene. Bis 2009 ist diese Zahl auf 1,5 Millionen gestiegen. Der National Research Council (NRC) nennt diese Entwicklung „historisch beispiellos und international einzig“. Eine Umkehr des Trends ist nicht abzusehen. Die „Washington Post“ schreibt: „Gefangene kommen meist aus armen Gesellschaften (und kehren dorthin zurück). Das bedeutet, dass Gemeinschaften mit der geringsten Fähigkeit, entlassene Sträflinge aufzunehmen, am meisten von ihnen haben.“

Am meisten aber erstaunt, dass die enorme Steigerung der Zahl von Gefangenen keineswegs mit einer ebensolchen Steigerung der Kriminalität korrespondiert. Noch einmal die „Washington Post“: „Das schreckliche Anwachsen der Haftstrafen in den USA spiegelt nicht eine substantielle Erhöhung der Kriminalität oder der Gewalt in dieser Zeitspanne. Die wahre Erklärung hat mehr mit Politik und politischen Beweggründen zu tun.“ Der NRC-Report spricht von der Sorge, dass die USA bereits den Punkt überschritten haben, an dem das Ausmaß der Inhaftierungen bereits eine Quelle der Ungerechtigkeit darstellt.

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Der „East Bay Express“ hat es mehr mit dem Sarkasmus: „Gratuliere, Ihr Amerikaner. Wir haben’s geschafft. Wir beherrschen die Atomkraft, gehen auf dem Mond spazieren, wir haben Erfolg, wo andere versagen. Wir haben mehr Leute in mehr Käfige eingesperrt als irgendein anderes Land in der Weltgeschichte. Land der Freiheit, tatsächlich!“

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